Von Kalendern und nicht so hellen Leuchten

Ich bin der Kalender im NIL, dem Café, das so ziemlich jeder Wiener kennt. Recht originell, das muss ich gleich sagen, sehe ich nicht aus, denn ich wurde nach Vorlage der NIL-Zigarettenpackung gemacht. Ihr wisst schon… Dieses tiefe Blau. Der Adler oben mittig, das Wort „REGIE“ gleich darunter. Und darunter wiederum der NIL-Schriftzug in kräftigen weißen Lettern. So, aber jetzt weicht mein Aussehen doch von der Tschick-Schachtel ab, denn ich bin ja ein Kalender und somit wird von mir Zeitinformation erwartet. Also wurden mir unter dem NIL-Schriftzug vier weiße Fenster verpasst, wovon die zwei größeren in der Mitte den Monatstag anzeigen, also zum Beispiel „10“, wenn es der 10. März ist. Zwei kleinere Fenster, jeweils eins links und rechts von den Ziffernfenstern, sagen euch auch die Wochentage und den Monat. Die sind aber so klein, dass ihr schon sehr nahe zu mir müsst, um das lesen zu können. Unpraktisch. Meint auch die Deckenlampe, die mir schon seit was weiß ich wie vielen Jahren gegenüber hängt. „Ich“, sagt sie immer, „weiß nie welchen Wochentag und Monat wir gerade haben.“ Zu meiner Beschämung weiß ich das aber oft selber nicht. Ich bin als Tafel an der Wand neben der Küche fixiert, also ich kann mich auch nicht einfach so runterbeugen und das einfach lesen. Wir erfahren die Wochentage und Monate  meist erst dann, wenn sich Leute darüber beschweren, dass „schon wieder Montag“ ist oder wenn sie sich freuen, dass „endlich“ Freitag ist. Oder wenn sie jammern, dass wir schon April, aber „der scheiß Frühling immer noch nicht“ da ist. Was die Zeit angeht gibt es bei Menschen immer nur „schon wieder“, „endlich“ oder „immer noch nicht“. Wir tun so als hätte das Relevanz für uns, die Zeit. Dabei sind die Lampe und ich ziemlich alterslos. Weil wir das wissen – und nur, weil wir an irgendwelchen Wänden fixiert sind – müssen wir uns geistige Unterhaltung suchen. Selbst wenn wir nicht wo angenagelt oder aufgehängt wären – wir haben ja keine Beine mit denen wir fortlaufen könnten. Unsere Highlights des Tages bestehen aus „Licht machen“ und „Anzeige ausgetauscht bekommen“. Die orientalische Lampe sagt dann immer „Mir ist ein Licht aufgegangen!“. Aus Höflichkeit lache ich. Manchmal. Ab und zu erlebe ich aber doch etwas. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal seit vier Jahren wieder einen 29. Februar anzeigen dürfen! Ja, ihr lacht vielleicht, aber für mich ist das eine große Sache. An einem 29.2. deuten die Leute den ganzen Tag lang auf mich und unterhalten sich über DAS besondere Datum, das ICH  ihnen anzeige, das sie ohne mich schon fast vergessen hätten. Ich glaube, anderen Kalendern geht es gleich. Die Hängelampe versteht meine Freude darüber nicht. Aber das nehme ich ihr nicht übel. Sie ist ja nun wirklich nicht die Hellste.

Verfasst am 10. 3. im Café Nil

(c) Caravogue

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