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Im Dezember 2016 habe ich gemeinsam mit Sophie Reyer die Leitung der Wiener Schreibpädagogik übernommen und unterrichte nun im Lehrgang.
Gemeinsam mit Alain Barbero arbeite ich an der Buchversion unseres Foto- und Literaturblogs, in der 55 verschiedene AutorInnen in 55 verschiedenen Wiener Kaffeehäusern und Cafés portraitiert werden.
Und damit ich bei so viel organisatorischer, didaktischer und Recherche-Arbeit das literarische Schreiben nicht ganz verlerne, besuche ich noch die Leondinger Akademie für Literatur.
Ich trinke viel Kaffee.

Freud und Küchenleid

Ich drückte sie sanft von mir und fragte: „Was machst du hier? Was soll das alles sein?“
„Ich bin noch nicht fertig.“ Sie kicherte. „Ich blanchiere gerade Ödipus.“
Ich schüttelte mich und warf einen genaueren Blick auf den Herd, auf dem eine Pfanne und zwei Töpfe standen, aus denen Rauch aufstieg. Sie schien tatsächlich Fleisch zu kochen.
„Und dann gebe ich all deine Neurosen dazu und salze sie und das Ganze garnieren wir mit Tiefenschwindel.“ Ich schüttelte den Kopf und versuchte einen Blick in ihre Augen zu erhaschen. Sie wirkte, als hätte ich sie mein Psychologie Lehrbuch geraucht.
„Und weißt du, womit wir es abschmecken? Mit einer ordentlichen Portion Vodka!“ Sie griff nach der Flasche. „Oh, schon leer“, stöhnte sie und ließ sich auf den Küchenboden sinken.

Barbara Rieger 2014
möglicher Ausschnitt meines Romanprojekts, entstanden zu einem Schreibimpuls von Michael im Café Freud, 28.11.14

 

 

Der Kaffee bei Mario

Der Kaffee bei Mario
in der Bar hinter dem Bahnhof
wo die Bauarbeiter
neben den Buchhaltern am Tresen steh’n
und weiß Gott wem
ihre Geschichten erzähl’n
der Flasche Cynar vor dem Spiegel
den Brioches in der Vitrine.

 

Dieser Kaffee, von dem ich spreche
ist wie ein schwarzes Loch
in dem die Wirklichkeit sich kondensiert
konzentriert / eindickt / reduziert / sublimiert
ist der Kick in der Nusschale
schneller eingeworfen als ein Atemzug
und es beibt
der bittere Duft
die leere Tasse
die Mario sofort verschwinden lässt
als ob nichts gewesen wäre.

 

Zweihundert Lire auf dem Tresen
Ciao Mario
Keiner hört zu
Draußen Regen.

 

Text: Michael Giongo; entstanden bei einem Feder-im-Café-Schreibworkshop von Barbara Rieger im Café Nil am 8. September 2014